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„Die Nacht, in der die Mauer fiel“

30 Jahre Mauerfall – eindrucksvoller Vortrag an den Berufsbildenden Schulen Rotenburg

Fast 200 Schülerinnen und Schüler konnte Dr. Renatus Deckert in der Aula der BBS Rotenburg begrüßen. Mitgebracht hatte er das von ihm herausgegebene Buch „Die Nacht, in der die Mauer fiel“, in welchem zahlreiche Autoren aus Ost und West den 09. November 1989 noch einmal Revue passieren lassen.
Bevor er aber zum Buch griff, erzählte der 1977 in Dresden geborene Deckert von seiner eigenen Kindheit in der DDR.  Da ist  einerseits die Prägung durch ein protestantisches Pastorenhaus, andererseits  die staatliche  Erziehung zur „sozialistischen Persönlichkeit“, der sich niemand entziehen kann. Dass Gespräche am Abendbrottisch nicht nach außen dringen dürfen, ist selbstverständlich für Deckert und seine drei älteren Brüder. Aber genauso selbstverständlich ist  auch die Mauer: sie sei einfach immer da gewesen – wie der Mond, so Deckert. Auch wenn man gerne mal selbst prüfen würde, wie es  auf der anderen Seite so aussieht. Im Geografiebuch ist  der Westen schwarz-weiß gehalten, versehen mit Fotos von Drogentoten und Schlangen vor den Arbeitsämtern. Die gibt es in der DDR nämlich tatsächlich  nicht. Trotzdem geistert ein Witz über die Schulhöfe: die Schülerinnen und Schüler können es kaum erwarten, endlich Rentner zu werden; dann dürfen sie nämlich „rüber“ in den Westen.
Im Sommer 1989, als Tausende DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft auf ihre Ausreise warten, verbringt der Zwölfjährige seine Ferien an der Ostsee. Im „Trabbi“ finden nur fünf Personen Platz, der große Bruder muss – wie immer – trampen. Noch scheint alles wie gewohnt zu laufen.
Am 9. Oktober gehen in Leipzig 70.000 Menschen auf die Straße und demonstrieren für mehr Demokratie. Im Nachhinein betrachtet, hält Deckert diesen Tag für den vielleicht wichtigsten in der Demokratie-Bewegung der späten DDR. Noch im Sommer hat die DDR-Führung der Regierung in Peking gratuliert, dass sie eine Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens  blutig niedergeschlagen hat. Also misstraut man den Mächtigen in der DDR. Aber trotz der Angst, dass auch in Leipzig Waffen sprechen könnten, gehen so viele Menschen auf die Straße und – die Waffen schweigen. Nach dem 9. Oktober ist nichts mehr so wie vorher: Deckert selbst kann sich erinnern, dass danach auch in der Schule diskutiert wird. Den Mauerfall am 9. November verschläft er allerdings; erst am nächsten Tag wird ihm und seiner Familie klar, was da eigentlich passiert ist.
„Der Weg nach Bornholm“ heißt eine der Geschichten aus Deckerts Buch. Sie ist von Durs Grünbein und schildert eigentlich den Weg des Protagonisten zum Grenzübergang Bornholmer Straße. Hier wird in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1989 zuerst die Grenze geöffnet. Die Doppeldeutigkeit des Titels ist Programm: Reisefreiheit in die ganze Welt, auch nach Bornholm! Deckert selbst ist es ein Anliegen, dass die Bedeutung dieser Nacht sowie der vorangegangenen Ereignisse  nicht in Vergessenheit gerät.
Organisatoren der Veranstaltung waren die Fachgruppen Politik und Deutsch unter Federführung von Markus Reupke und Marika Kosanke-Krampitz.  Gesponsert wurde die Lesung vom Förderverein der Berufsbildenden Schulen Rotenburg, so dass die Schülerinnen und Schüler nur einen kleinen Eigenanteil leisten mussten.

(Marika Kosanke-Krampitz)