bbs-row@lk-row.de
+49 (0)4261-983-3636

„Ostern“ ist das Stichwort!

Nein! Nicht schon wieder „Corona“! Dieses verflixte Wort, das einst den Strahlenkranz um eine komplett verfinsterte Sonne bezeichnete, oder – wenn die Urlaubssonne schien – ein erfrischendes Bier in Aussicht stellte! Die Geschichte, die Corona erzählt, ist angesichts der schnell ansteigenden Inzidenzwerte nicht geeignet, zu trösten und zu ermutigen, geschweige denn gute Laune zu machen.

Unpassend scheint mir auch, von den entzückenden kleinen Lämmern zu erzählen, die in meiner Nachbarschaft gerade laut meckernd ihre ersten ungelenken Ausflüge auf ihren viel zu langen Beinchen unternehmen.

Osterlämmer! Unter denen haben die kleinen Böckchen den Kürzeren gezogen. Sie landen beim Schlachter, wie mir der Besitzer erzählte. Auch keine wirklich erbauliche Geschichte, finde ich, abgesehen mal von der Vorstellung, dass diese Tierchen gebraten und lecker angerichtet sicherlich vorzüglich munden.

Lassen wir das traurige Schicksal der männlichen Osterlämmer einmal beiseite, und wenden uns Worten wie Ostern, Osterferien, Ostereier, Ostermontag zu. Die – richtig verstanden – könnten besonders in diesem Frühjahr Anlass für ein bisschen Zuversicht geben.

Allgemein verständlich ist das Wort „Osterferien“. Oder wenigsten die darin enthaltenen „Ferien“. Die Ostereier versteht auch jeder. Form und Geschmack sprechen für sich.

Und selbst für Nicht-Lehrkräfte erklärt sich der Ostermontag von alleine! Wäre da nicht Corona, dann wäre sogar die Gelegenheit für einen Urlaub irgendwo in der Sonne, oder wenigsten für ein verlängertes Wochenende an Ost- oder Nordsee. Gute Aussichten also im Normalfall.

Zugegeben, all das fängt mit dem Karfreitag an. Aber am Ende geht es gut aus, irgendwie sogar sehr gut!

Und natürlich geht es nicht erst am Karfreitag los. Eigentlich geht es in dem Moment los, in dem einem Säugetier das erste Mal aufgeht, dass es lebt. Das aber bei allem Staunen darüber, lebendig zu sein, angesichts des Lebens und Sterbens um ihn herum der Erkenntnis nicht ausweichen kann, dass Leben endlich ist und es selbst unausweichlich den Gang allen Lebens gehen und schließlich sterben wird.

Der Mensch ist ein denkendes, ein reflektierendes und sterbliches Wesen, eines, das seinen Beobachtungen in Worten Ausdruck verleiht.

Erich Fried drückt das in seinem bekannten Gedicht „Definition“ etwas umständlich aus:

„Ein Hund der stirbt und der weiß, dass er stirbt wie ein Hund und der sagen kann, dass er weiß, dass er stirbt wie ein Hund, ist ein Mensch.“

„Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch ist er unersetzlich.“ Auch das Bonmot des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau über seinen Hund könnte manchen ins Grübeln bringen. Dabei wollte Rau genauso wie Fried, auf einen spezifischen Wesenszug des Menschen hinweisen. In seinem Fall handelte es sich um die ausgeprägte Sozialität unserer Spezies. Alle drei zusammen – Reflexivität, Sprachlichkeit und Sozialität – machen unsere enorme Kooperationsfähigkeit und Kreativität aus.

Allerdings sind diese auch die Ursache unseres ungeheureren Selbstbewusstseins und unseres ungebändigten Drangs zur Weltbeherrschung.

Man kann sich das Selbstbewusstsein der Spezies „Homo Sapiens“ sehr schön vor Augen führen, wenn man einmal einen Blick in die Schöpfungserzählungen am Anfang der Bibel macht. Da findet man zwei sehr unterschiedliche Berichte über die Schöpfung des Menschen.

Im ersten Fall wird der Mensch ganz zuletzt als Höhepunkt des Schöpfungsaktes als Ebenbild geschaffen, nach dem Motto: „Das Beste kommt zum Schluss!“ Wie alles andere zuvor geschaffen durch ein Machtwort des allmächtigen göttlichen Befehlshabers.

Im zweiten Fall kommt es anders herum: Das Beste kommt hier zuerst! Gott erscheint als Hobbygärtner und Töpfer, der den Menschen aus Lehm knetet und ihm mit Hilfe seines Atems das Leben einhaucht und ihm den Garten Eden als Lebensraum zuweist, nicht ohne ihn zu ermahnen, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen.

Nehmen wir das ganze einmal nicht als historische Wahrheit, sondern als Ausdruck des Selbstbewusstseins der Autoren der Schöpfungserzählungen ein paar Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung, dann müssen wir sagen, es hat sich bis heute nicht viel daran verändert. Vielmehr haben wir im Laufe der Jahrhunderte gelernt, den göttlichen Herrschaftsauftrag immer effizienter in die Tat um zusetzten und es mit unserem menschlichen Selbstbewusstsein und Erfindergeist sogar bis auf den Mars geschafft. Allerdings ist es uns mit Lebensart auch gelungen, unseren Planeten in kürzester Zeit an den Rand des Kollapses zu bringen.

Und wenn wir schließlich gelernt haben, unsere digitale DNA komplett in die Cloud zu laden, werden wir sogar nach den Früchten des Baumes des Lebens gegriffen und davon gegessen haben, wovor uns der Rauswurf aus dem Garten Eden eigentlich bewahren sollte (1. Mose 3, 24).

Aber gemach! Bis wir unsere biologische Sterblichkeit hinter uns gelassen haben werden, bleiben wir der Hund Erich Frieds, der weiß, dass er stirbt wie ein Hund und darüber sprechen kann, dass er das weiß.

Und jetzt doch noch mal Corona. Weil es das alles beherrschende Thema ist: Das Virus stellt eine unsichtbare und oft tödliche Gefahr dar. Es ist in wahrsten Sinn des Wortes unheimlich und hat die globale Menschheit in einen dauerhaften Zustand der Angst und Verunsicherung versetzt. Es hat uns zurückgeworfen auf uns selbst und das Bewusstsein unserer Sterblichkeit als Begleitmelodie unseres alltäglichen Lebens unüberhörbar gemacht. Corona hat unserem Alltag das sichere Fundament der Normalität geraubt.

Der Mensch – die Krone der Schöpfung – sieht sich zurück gestuft zum Wirt eines potentiell tödlichen Virus, während um ihn herum das Leben aus dem Winterschlaf zu neuem Leben erwacht.

Und nach über einem Jahr Pandemie, nach mehreren Runden Lock-down, Kontaktbeschränkungen, sinkenden und wieder steigenden Inzidenzen, Virusmutationen, scheint noch kein Licht am Ende des Tunnels.

Da ist er nun, der Mensch – der arme Hund, der weiß, dass er stirbt wie ein Hund… – sucht und fragt nach Hoffnung, nach einem rettenden Ufer oder irgendeinem guten Grund, dem er vertrauen kann.

Die Dogmen der konsumkapitalistischen Erzählung, dass immerwährendes Wachstum und ungebremster Konsum zu Glück und Erlösung führen und der gute Mensch ein guter Konsument ist, haben sich schon vor der Pandemie als unheilvolle Märchen erwiesen: Unser Planet – überhitzt und ausgelaugt – hat für viele Lebewesen seine Lebensfreundlichkeit längst verloren. Der verheißene Wohlstand für alle ist an denen, die nicht in einem Wirtschaftswunderland geboren sind, weit vorbeigegangen. Und die Globalisierung hat die rasante Verbreitung des Virus überhaupt erst möglich gemacht.

Dass die „Ever-Given“ wieder auf Kurs ist mit ihren 400 Metern Länge und ihren zigtausenden Containern an Bord wieder flott ist, ist sicherlich eine Erfolgsgeschichte für menschliche Kooperationsfähigkeit und Tatkraft. Aber eine wirkliche Hoffnungsgeschichte ist das nicht. Die Kosten und Folgekosten der Bergung sprechen dagegen.

Und wenn in China inzwischen Menschen mit kleinen Pinselchen die Blüten der Obstbäume bestäuben, weil es kaum noch Bienen gibt, und Amazon Drohnen entwickelt, die zukünftig die Aufgabe der Bienen übernehmen sollen, ist das keine Erfolgsgeschichte, sondern einfach nur eine Bankrotterklärung.

Keine Hoffnung auf ein gutes Ende in Sicht? Oder doch? „Ostern“ ist das Stichwort!

Die Ostererzählung erinnert an ein wunderbares, ein Ausnahmeereignis. Ein Mann, der einen qualvollen Tod am Kreuz gestorben ist, wird von Gott zu neuem Leben erweckt. Es ist eine der vielen Geschichten in der Bibel, die von Überleben in Todesnot erzählen.

Auch wenn die wunderbare Ostergeschichte die Hoffnung einer längst vergangenen Epoche in für uns fremd gewordenen Bildern zur Sprache bringt, kann man sagen, dass viele Generationen mit ihr durch Dick und Dünn gegangen sind. Die Hoffnung und das Vertrauen, die in ihr zum Ausdruck kommen, haben sich als tragfähig erwiesen in Zeiten der Not.

Und wir können noch heute zwischen den Zeilen aus dieser Geschichte die Gewissheit herauslesen, dass ein guter Geist das Universum und die Vielfalt und Schönheit des Lebendigen auf unserem Planeten geschaffen hat. Vielleicht sogar gerade jetzt, in Zeiten, wo wir auf gute Nachrichten angewiesen sind wie selten zuvor in der Geschichte der Menschheit. Ostern beinhaltet – richtig verstanden – ein Versprechen! Das Versprechen, dass es gut ausgehen wird.

Und Ja! Irgendwie so sehr gut sogar!

(Hartmut Talke)